Offenes Lernen und Stifthaltung

Moderator: Klaus Kuhn

Ina985
 
Beiträge: 1
Registriert: Di 24. Jan 2017, 18:17

Offenes Lernen und Stifthaltung

Mi 25. Jan 2017, 18:48

Hallo!
Ich habe nächstes Jahr meine erste 1. Klasse und überlege, das ABC der Tiere zu verwenden. Ich habe ein paar praktische Fragen:
1. Mir ist unklar, inwiefern sich das Buch für den offenen Unterricht eignet. Insbesondere unsicher bin ich, ab wann die Kinder es durchschnittlich schaffen, selbstständig in richtigen Silben zu schreiben.
2. Außerdem habe ich bei KollegInnen beobachtet, dass die Verwendung des Rot-Blau-Stifts zu einem ungenauen Schriftbild und zu einer verkrampften Stifthaltung führen kann. Gibt es da andere Erfahrungen? Ich überlege, die Kinder stattdessen mit Fineliner o.ä. schreiben zu lassen.
Ich freue mich über Anregungen!
Liebe Grüße und vielen Dank!
Ina

Klaus Kuhn
 
Beiträge: 205
Registriert: Di 30. Aug 2005, 13:10

Re: Offenes Lernen und Stifthaltung

Do 26. Jan 2017, 09:36

Hallo Ina,

die Frage nach dem "offenen Unterricht" muss ich differenziert beantworten.

1. Wir organisieren integrativen Unterricht: Schüler mit wenigen Kenntnissen und Schüler mit deutlichem „Vorsprung“ im Lesen und Schreiben.
Um die Schüler mit geringer phonologischer Bewusstheit aufzufangen, praktizieren wir die Silbenschule in den ersten 12 Wochen.

a. Klassische Konditionierung (Behaviorismus), die bei geringen sprachlichen Voraussetzungen erfolgreich ist.
z.B.: Fibel S. 6
Kinder sehen Kühe (Reiz) auf der Weide. Die Lautäußerung
„mu“ (Reaktion) wird von den Schülern genannt.
Dazu tritt die Sprechblase „mu“ (bedingter Reiz). Nach mehrmaliger Darbietung der Übungssituation lesen die Schüler „mu“, auch wenn sie die Kühe nicht mehr sehen. In der Praxis bedeutet das: Der Lehrer muss dieses Setting herstellen, die Geschichte erzählen.

z.B.: S. 8
Die Katze heißt Mimi. Warum: die Katze macht mi-au; Jedes
Kind muss diese „Geschichte“ erzählen können.
Dann erfolgt die Konditionierung auf das Lesen von „mi“, auch
wenn sie keine Katze mehr sehen.

So geht es Seite für Seite weiter, bis S. 28.
Diese „Klassischen Konditionierung“ ist ohne Buchstabenvorerfahrung erfolgreich.

b. Kognitives Lernen / Lernen durch Einsicht /
Individuelle Wahrnehmung und Interpretation
(Kognitivismus, Konstruktivismus)
Hier wird das Lernen durch individuelle Einsicht und persönliche Auseinandersetzung betont.
Phonologische Bewusstheit im engeren Sinne / Buchstabenbewusstheit.

z.B.: Arbeitsheft S. 13
der identische Anlaut von „Löwe“ auf der Schreibtabelle und der Schreibaufgabe „Lama“ soll gehört und geschrieben werden. Hier geht es um einen ersten Schritt zum bewussten Umgang mit dem Konsonant „l“. Es sollen nicht ganze Wörter durchgehört und geschrieben werden. Hier wird der Unterschied in der Verwendung der Schreibtabelle zu anderen Fibeln und zum Spracherfahrungsansatz deutlich. Wir lassen die wenig phonologisch bewussten Kinder im Anfangsunterricht mit dieser Arbeit nicht allein. Sie wären überfordert, was die schwachen Lese- und Schreibleistungen ja zeigen.

Wir unterrichten auch phonologisch bewusste, fortgeschrittene Kinder.
Sie können nach der Silbenschule und der Einsicht in den Silbenbau (Häuschen) freier mit der Schreibtabelle arbeiten.

z.B.: Fibel S. 37
Eigene Reime schreiben
z.B.: Fibel S. 43
Eigene Sätze über Eskimos schreiben
z.B.: S. 45
Was tust du nach der Schule?

Der Punkt ist: Durch das Lernen im Sinne der Klassischen Konditionierung verlieren wir keine Kinder im Anfangsunterricht. Für die schnellen phonologisch bewussteren Kinder bieten wir freiere Arbeitsformen an.
Das ist der prinzipielle Unterschied zwischen ABCdT und den anderen Silbenkonzepten und dem Spracherfahrungsansatz.

ABC der Tiere unter dem Aspekt: Lerntheorien in den aktuellen Bildungsplänen

a. Klassische Konditionierung - bei unterschiedlichen sprachlichen Voraussetzungen erfolgreich
Der Schüler (Appetenz: der Lesen lernen will) wird auf äußere Reize hin aktiv und tritt in Reaktion.

Der Lehrer setzt geeignete Anreize und gibt die Rückmeldung
auf die Reaktionen der Schüler.

b. Kognitivismus - Lernen durch Einsicht
Der Lernende nimmt Informationen auf und entwickelt
anhand vorgegebener Problemstellungen Lösungswege.

Der Lehrer bereitet die Problemstellung didaktisch auf.
Er wählt Informationen aus bzw. stellt sie zur Verfügung, gibt Problemstellungen vor und unterstützt die Schüler beim Bearbeiten
der Informationen.

c. KONSTRUKTIVISMUS
Dem Schüler werden Informationen angeboten mit dem Ziel, dass er aus den Informationen heraus selbst Probleme definiert und löst.

Die Lehrenden vermitteln nicht nur Wissen oder bereiten Problemstellungen vor, sondern übernehmen die Rolle des Lernbegleiters, der eigenverantwortliche und soziale Lernprozesse unterstützt.

2. Die Frage der Stifte wird unterschiedlich gehandhabt. Ich selbst habe auch mit Fineliner gearbeitet. Allerdings sind für motorisch schwächere Kinder die dreiseitigen Stifte besser geeignet.

Viel Freude am Unterrichten
Klaus Kuhn

Zurück zu Unterrichtsgestaltung

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast